Bilder und Träume

„Warum bist du hier, mein Kind?“
Die Stimme ist vom Alter heiser und füllt doch den ganzen Raum aus. Ich stehe im Türrahmen, Perlenschnüre des darin angebrachten Vorhangs fallen über meine Schultern, klimpern noch etwas nach.
„Ich möchte schreien und ich möchte weh tun“, sage ich.
„So wie man dir weh getan hat?“
„Ja“, sage ich.
„Dann bist du hier falsch. Hier gibt es nur Bilder und Träume. Und schreien kannst du auch woanders.“
„Vielleicht reicht das ja.“
Die Stimme erhebt sich von ihrem Sessel, der in der dunkelsten Ecke des ohnehin nur dürftig beleuchteten Raums steht, tritt ein paar Schritte vor und enthüllt eine gebeugte alte Frau mit grauen krausen Haaren in der Montur, die an Voodoo und Schamanen erinnert. Um ihren Hals hängt eine Kette, deren lange Glieder die Form von Knochen haben.
Madame Duwu, wie sie sich nennt, gibt mir zu verstehen, dass sie mit dieser Erklärung zufrieden ist. Ich hoffe, dass ich Recht habe.
Ich bin alleine hierher gekommen. Tom habe ich nicht Bescheid gesagt. Er wäre wahrscheinlich mitgekommen, aber ich habe das Gefühl, dass er mir diesmal nicht helfen kann.
Ich setze mich auf den Stuhl auf den Madame Duwu zeigt. Ohne weitere Worte greift sie nach einem Fläschchen auf einem der Regale an der Wand, schraubt es auf und hält es mir unter die Nase.
„Tief einatmen“, befiehlt sie und ich tue wie mir geheißen. Es riecht nach Waldboden und Honig, ein Geruch, von dem ich bis vor kurzem nicht genug gekriegt habe.
Ich habe meine Augen geschlossen, aber das merke ich erst, als ich sie wieder öffne. Der Raum ist verschwunden. Ich stehe auf einem Dach und ich bin nicht allein. Er steht vor mir. Es ist egal, dass er nur ein Bild ist, ich fange an am ganzen Körper zu zittern. Ich schlinge meine Arme um mich. Einen anderen Halt habe ich nicht.
„Hi“, sagt er.
Ich unterbreche ihn, bevor er weiter spricht. Er ist irritiert.
„Frag mich nicht, wie es mir geht“, sage ich schroff. „Das fragst du immer und dann muss ich die Wahrheit sagen ohne die Wahrheit zu sagen. Und außerdem, wie kannst du mich das fragen, wenn ich dich mit einem fetten Lächeln begrüße? By the way, mir geht’s bescheiden.“
Er bleibt stumm. Das ist gut.Diesmal will ich reden.
„Ist dir eigentlich nie der Gedanke gekommen, dass das für mich alles neu war? Dass ich mich erst an dieses Wir und Uns gewöhnen musste und lernen musste, wie man sich verhält? Wie ich mich verhalte? Wer ich eigentlich bin in diesem Wir? Verdammt, ich war verliebt! So richtig, richtig verliebt. Das war ich vorher noch nie, nicht wirklich.“
Ich mache eine kurze Pause. Er sagt immer noch nichts. Vielleicht hört er endlich zu.
„Ich war verliebt und dann war ich verunsichert. Daran bist du schuld. Du sagst einmal Ja und dann wieder Nein. Das hast du ständig gemacht. Wie soll ich da nicht vorsichtig sein und mich zurück ziehen?“
Er zuckt kurz. Er kann es nicht verbergen.
„Es war alles neu und es gab keine Sicherheit. Ich musste mir manchmal sagen, dass es schon gut wird. Ich wollte nicht paranoid sein. Dabei hätte ich das vielleicht sein sollen. Man kann mir den Vorwurf der Naivität machen. Fühl dich frei.“
Ich schaue zu den Sternen und erinnere mich daran, wie gewaltig und wunderbar die Welt ist. Für einen Moment erlaube ich mir zu vergessen, dass er vor mir steht. Die Sterne funkeln so schön.
„Es tut mir leid, wenn ich manchmal still war, wenn ich hätte was sagen sollen und es nicht getan habe. Ich wollte was sagen, ich wollte mir dir reden. Mein Kopf war nur leer. Ich bin nicht gut unter Druck. Und ich bin still, wenn jemand viel redet. Und ich bin laut, wenn es ruhig ist. Und ich bin stumm, wenn ich nicht weiß, was mich erwartet. Ich brauch da Zeit.“
Er sagt etwas, aber das merke ich erst, als ich antworte.
„Und die hab ich dir nicht gegeben.“
„Ja.“
Nach einer Weile rede ich weiter. „Ich hätte auf dich gewartet, weißt du. So sehr ich gerne mit dir angegeben hätte, ich hätte dir Zeit gegeben. So sehr mich das auch belastet hat. So verliebt war ich.“
Es ist fast vorbei dieses Bild. Die Wut ist beinahe weg. Die Trauer wird wohl noch eine Weile bleiben.
„Hasst du mich eigentlich?“, fragt er.
„Dich hassen? Nein. Warum sollte ich? Du hattest schließlich auch deine Probleme.“ Ich meine es so. „Ich will dich vergessen. Ich will nicht mehr an dich denken jeden Tag. Du geisterst in meinem Leben rum und erinnerst mich daran, dass ich glücklich war, dass ich dieses Gefühl zurück haben will. Ich will nicht dauernd trauern über etwas, das es eigentlich gar nicht gab. Ich will mich nicht mehr allein fühlen.“
Ein Lied erklingt. Ich schaue mich um, aber ich kann den Ursprung nicht ergründen.
But you cut me down.
„Meinst du, dass wir jemals Freunde werden könnten?“, fragt er.
Ich überlege, ob ich überhaupt über eine Antwort nachdenken soll.
And I will not tell the thoughts of hell that carried me home.
„Ich gehe jetzt“, sage ich und wende mich ab.
Er ruft mir hinterher. „Es tut mir leid.“
„Ich weiß“, sagte ich, „aber darum geht es nicht.“
But I still believe. When I’m on my knees, I still believe.
Der Traum ist vorbei und ich finde mich wieder zurück in Madame Duwus Raum. Madame Duwu ist nicht zu sehen, dafür steht Tom neben mir.
„Hat es geholfen?“, fragt er.
„Ja. Nein. Ich weiß es nicht. Vielleicht.“
„Hast du ihm gesagt, dass du für ihn zu ihm gezogen wärst?“
„Nein.“
„Und dass seine Ex sein Problem war und nicht deines und du deshalb nichts dazu gesagt hast?“
„Nein.“
Ich stehe auf.
„Ich habe vieles nicht gesagt.“
„Lass uns gehen“, sagt Tom. „Wim hat uns zum Kaffee eingeladen.“
Ich lächle. Kaffee bei Wim ist immer etwas besonderes. Doch bevor ich hinter Tom auf die Straße trete, drehe ich mich noch einmal um als würde ich erwarten sein Bild dort stehen zu sehen.
„Irgendwie wünsche ich mir, dass er das hier liest“, sage ich.
„Weil du es ihm gern persönlich gesagt hättest?“
„Ja“, sage ich, „ja, das hätte ich gern.“
Ich setze den Fuß über die Türschwelle und freue mich. Es ist ein eigenartiges Gefühl. Die Welt ist nicht mehr grau. Nicht mehr ganz. Und die Ecken werde ich ignorieren.

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Fliegen

Es ist hell in dieser Nacht. Keine Wolke verdeckt die Sterne. Kein Mond überstrahlt ihr Licht. Man sieht die Milchstraße wie ein weißes Band.
Es ist so friedlich da oben. Ich würde gerne dorthin, aber die Sterne sind zu weit weg. Alles ist zu weit weg.
„Was ist passiert?“, frage ich.
„Du bist gefallen“, antwortet Tom.
„Gefallen? Ich dachte, ich würde fliegen.“
„Du bist geflogen“, sagt Tom.
„Und dann bin ich gefallen.“
„Ja.“
„Und keiner hat mich aufgefangen.“
„Ja.“
„Wie traurig.“
„Ja.“
In dem Moment ziehen Wolken auf. So schnell, dass ich einen Sturm erwarte, aber alles, was ich spüre, sind spitze Kiesel in meinem Rücken und unter meinen Händen.
„Tom, ich kann mich nicht bewegen. Alles tut weh.“
„Dein Herz ist gebrochen.“
„Mein Herz?“
„Du bist gefallen und keiner hat dich aufgefangen.“
„Das ergibt Sinn.“
Ich möchte aufstehen. Ich möchte Berge erklimmen. Ich möchte die Sterne besuchen. Das einzige, was ich heben kann, ist meine Hand. Selbst mein Arm ist mir zu schwer.
„Steh auf“, sagt Tom. In seiner Stimme klingt kein Befehl, keine Resignation, keine Wut. Er will einfach nur, dass ich aufstehe. Er will, dass ich weiter mache. Er will, dass ich wieder Berge erklimme.
„Wenn du es schaffst aufzustehen, werde ich dich ein Stück tragen.“
Es ist schwer dieses Aufstehen. Mein Herz will liegen bleiben und zieht mich zu Boden, zieht mich unter Grund. Ich soll verschlungen werden.
Dann stehe ich und kann nicht anders als zu lachen.
Tom hebt mich hoch. Ich lache immer noch. Es ist anstrengend.
Irgendwann bin ich zu erschöpft um weiter zu lachen.
„Werde ich wieder fliegen?“, frage ich, während Tom mich Richtung Zuhause trägt. „Ich möchte wieder fliegen.“
„Irgendwann“, sagt Tom. „Ganz sicher.“