Beste Freunde

„Bist du ne Hexe?“
Die kleine Helena schaute dem dicken Jungen, der sich ungefragt zu ihr gesellt hatte, ins pausbäckige Gesicht.
„Bin ich nicht“, sagte sie und versuchte sehr energisch zu klingen. Aber das schien den Jungen nicht zu beeindrucken. Er hob seine Patschehand und zeigte ungeniert auf Helenas Haare.
„Aber du hast rote Haare.“
„Na und?“, erwiderte Helena schnippisch. „Meine Großmama,die hat auch rote Haare und die ist keine Hexe.“
Der Junge ließ den Arm wieder fallen. „Aber meine Mama hat gesagt, wenn man rote Haare hat, dann ist man eine Hexe.“
„Dann lügt deine Mama.“
Der Junge schien für einen Moment verunsichert. Er kniff dieAugen zusammen und nagte an seiner Unterlippe, als müsste er erst überlegen, ob das Mädchen vor ihm nun etwas schlimmes gesagt oder sie doch irgendwie Recht hatte.
„Hmm“, machte er. Und dann: „Sie hat auch gesagt, dass man überall Warzen kriegt, wenn man Kröten anfässt. Aber ich hab gar keine einzige Warze gekriegt. Und ich hab überall nachgeguckt.“
Helena war sich nicht sicher, ob man nicht doch Warzen bekommen würde, wenn man eine Kröte anfasste, aber das ließ sie sich natürlich nicht anmerken. „Siehste“, sagte sie nur und mit kindlicher Genugtuung über die bessere Beweisführung grinste sie.
„Ich heiße Peter“, stellte sich dann der Junge vor. „Wie heißt du?“
„Helena“, sagte Helena.
„Soll ich dir was tolles zeigen?“, fragte Peter dann.
Helena überlegte kurz. Eigentlich sollte sie ja schon längst auf dem Weg zu ihrer Großmutter sein, aber es würde ja nicht so schlimm sein, wenn sie etwas später wieder kam. Außerdem war sie neugierig darauf, was Peter ihr zeigen wollte.
„Was denn?“, fragte sie.
„Komm mit“, sagte der Junge und lief schon los. Helena blieb keine andere Wahl als ihm einfach zu folgen. Er führte sie zu einer Scheune, in der allerlei Gerätschaften standen. Aber anscheinend war das nicht das Tolle. Peter winkte ihr mithineinzukommen und weil Helena keine Angst zeigen wollte – in so einer großen Scheune war sie vorher noch nie gewesen – trat sie fast ohne Zögern hinein. Mit großen Augen schaute sie sich um. Einige der Geräte kannte sie aus dem Schuppen von ihrer Großmutter, aber einige hatte sie noch nie gesehen. Was man damit alles machen konnte, fragte sie sich.
„Komm weiter“, sagte Peter und lief zu einer Leiter, die nach oben führte. Dort befand sich eine riesengroße Menge Heu.
Peter hob einen Finger an seinen Mund. Helena verstand sofort und versuchte keinen Laut mehr beim Gehen zu machen. Langsam gingen sie weiter, bis in die hinterste Ecke. Dort, tief versteckt, war im Heu eine Art Nest gebaut worden, in dem fünf kleine Katzenbabys lagen. Die Kätzchen hatten zwar schon ihre Augen geöffnet, waren aber noch zu klein, um sich aus ihrem Nest zu trauen. Von der Mutter war nichts zu sehen.
Helena wollte schon einen Entzückungslaut von sich geben, aber sie erinnerte sich noch rechtzeitig daran, dass dies die Kätzchen vielleicht aufschrecken könnte.
„Wie süß“, flüsterte sie stattdessen.
„Ja, nich?“, meinte Peter. „Ich hab sie heut morgen gefunden.“
Voller Faszination hockten die beiden Kinder vor dem Katzennest. Die Kätzchen waren, bis auf eines, alle braun-weiß gescheckt. Nur das eine war völlig weiß.
„Wenn du willst, kannst du eins haben. Wir haben eh genug Katzen auf dem Hof“, bot ihr Peter großzügig an.
„Aber wird dann ihre Mutter nicht böse, wenn eines ihrer Kinder einfach so weg ist?“
„Hmm“, machte Peter, „aber vielleicht merkt sie es gar nicht. Und es sind ja dann immernoch vier übrig.“
Und ohne weiteres nahm sich Peter eines der Kätzchen – es war das ganz weiße – und reichte es Helena. Diese nahm es sehr vorsichtig auf den Arm und fing an, es zu kraulen. Das kleine Katzenbaby schmiegte sich sofort in ihre Umarmung.
„Ich glaub, es mag dich“, meinte Peter.
„Und ich darf es wirklich haben?“, fragte Helena und schaute Peter mit großen Augen an.
Peter straffte sich. „Na klar, hab ich doch gesagt.“
„Danke“, murmelte Helena und widmete sich gleich wieder dem Fellbündel in ihren Armen. Das Kätzchen schnurrte sogar schon. „Ich hatte noch nie ein Haustür. Meine Mutter wollte keine Tiere im Haus. Sie hat gesagt, die machen alles nur schmutzig.“
„Ich hätt gern nen ganz großen Hund als Haustier, einen Halbwilden. Der auf mich aufpasst und Räuber in die Flucht schlägt und so. Das wäre toll“, erwiderte Peter. „Aber meine Mutter will keinen so großen Hund im Haus haben. Ich hätt ihn Troll oder Rufus gerufen oder sowas. Hast du schon einen Namen?“
„Einen Namen?“, fragte Helena, die Peters Gedankengang nicht ganz nachfolgen konnte.
„Für das Kätzchen.“
Helena schaute wieder auf das Katzenbaby in ihren Armen. „Weißfell“, sagte sie nur.
Und so war es, dass Helena gleich zwei Freunde an einem Tag gefunden hatte.

Advertisements

Nur ein Traum

Von einem Moment auf den anderen war Helena wach. Sie wußte, dass das, was sie gerade erlebt hatte, nur ein Traum gewesen war. Und trotzdem hatte es etwas sehr Reales gehabt. Dieser Ruf, der sie an die Klippen geführt hatte, ließ sie nicht los. Schwach spürte sie ihn immer noch. Wie ein Prickeln unter ihrer Haut.
Es war noch früh und die Sonne noch nicht einmal aufgegangen. Es dämmerte gerade erst. Sogar die meisten Vögel schliefen noch. Sie hörte kaum ein Singen. Es war so still. So viel stiller als die brandende See mit ihren Wellen, die an den Klippen brachen. Selbst im wachen Zustand konnte sie es hören. Da, ein Scheppern und Poltern, als würden sich Steine durch die Kraft des Wassers lösen und hinunterstürzen. Und das Fluchen eines Geschöpfs des Meeres, dessen Stimme ihr merkwürdig bekannt vorkam und überhaupt nicht zu einem Meeresgetier passen wollte. Eher einer alten Frau, die auf der Suche nach bestimmten Ingredienzen mal wieder ihre halbe Küche auf den Kopf stellte.
Helena stand auf, schlüpfte in ihre Schuhe und zog sich etwas über- zu dieser Jahreszeit war es ungeheizt dann doch noch etwas kalt. Sie ging, ihre Arme um den Körper geschlungen, um sich ein wenig Wärme zu schenken, in die große Küche, die gleichzeitig als gemeinschaftlicher Arbeits- und Essraum und überhaupt zum gemütlichen Zusammensitzen diente. Mit ihrer Vermutung hatte Helena Recht gehabt. Ihre Großmutter war wirklich schon am werkeln. Wahrscheinlich braute sie mal wieder einen ganz besonderen Trank.
„Guten Morgen Nona“, sagte Helena und gähnte herzhaft. Obwohl sie nicht mehr schlafen konnte, war sie doch noch etwas müde.
„Morgen Liebes, habe ich dich aufgeweckt?“
„Nein, nein, keine Sorge. Ich bin von selbst aufgewacht.“
Helena nahm den Kessel von seinem Haken, füllte ihn mit Wasser und stellte ihn auf den Ofen, den ihre Großmutter schon angefeuert hatte. Von einem der zahlreichen Regale nahm sie sich anschließend den Behälter, auf dem groß KAFFEE stand, und begann einen Teil der Bohnen zu mahlen, während sie darauf wartete, dass das Wasser heiß wurde. Ohne Kaffee begann kein Tag bei ihr.
Ihre Großmutter schnitt derweil weiter verschiede Kräuter klein, wog sie ab und schnitt weiter.
„Nona?“, fragte Helena nach einer Weile.
„Ja, Liebes?“
„Glaubst du eigentlich an Schicksal?“
„Aber natürlich. Auch wenn man dem Schicksal manchmal etwas nachhelfen muss.“
„Du meinst wie bei dir und Bornulf?“
Ihre Großmutter ließ das Messer sinken, mit dem sie gerade eine Wurzel in Scheiben schnitt, und schaute auf. Sie lächelte, als wenn sie sich an etwas schönes erinnerte.
„Ich wußte sofort, dass Bornulf der Richtige ist.“
„Und die andern nicht?“
Ihre Großmutter schaute sie direkt an. Helena beneidete sie, die, die mit Anfang achtzig noch so jung aussah als wäre sie gerade erst fünfzig geworden. Die Liebe hielte sie jung, erzählte ihre Großmutter immer, und Kaffee. Den Kaffee hatte Helena von ihr übernommen. Nur die Liebe ließ noch auf sich warten. Der Richtige sollte es sein. Mehr Ansprüche hatte sie nicht. Aber ihn zu finden, war schwerer, als sie gedacht hatte. Auch ihre Großmutter konnte ihr da nicht viel helfen, obwohl sie mehr als genug Erfahrung darin hatte, den Richtigen zu finden. Immerhin hatte sie vor ein paar Wochen schon den Achten davon geheiratet. Sie würde es wissen, wenn sie ihn traf, sagte ihre Großmutter immer. Viel helfen tat dieser Rat nicht.
„Nicht immer wußte ich es, und nicht immer sofort. Manchmal hoffte ich es auch nur. Aber bei Bornulf wußte ich es. Und ich wußte, dass es Schicksal war, dass wir uns getroffen haben.“
„Und Bornulf?“
„Der glaubt nicht an Schicksal, aber gefallen tat ich ihm schon.“
Das Wasser auf dem Ofen fing an zu sprudeln. Helena nahm sich einen Topflappen, um damit den Kessel vom Herd zu nehmen und das heiße Wasser in die bereitgestellte Kanne zu gießen, über der schon ein Sieb mit dem gemahlenen Kaffee hing.
„Warum eigentlich diese ernsten Gedanken am frühen Morgen, Liebes? Schlecht geschlafen? Oder besonders gut? Du und Peter habt euch gestern ja ganz nett unterhalten.“ Ihre Großmutter zwinkerte ihr zu.
„Peter ist ein Freund, mehr nicht“, entgegnete Helena schroffer als sie wollte.
„Also ist Peter nicht der Grund, weshalb du vor Sonnenaufgang dein Bett verlassen hast?“
„Nein, ist er nicht.“
Helena goß sich einen Becher Kaffee ein, süßte ihn und gab einen großen Schluck Milch hinzu.
„Weißt du Liebes. Manchmal ruft einen das Schicksal, wenn man es gar nicht erwartet. Und dann steht man vor der Sonne auf.“
Helena verschluckte sich.
„Ich weiß ja, dass du einige Tricks auf Lager hast, Nona, aber ich wußte nicht, dass Gedankenlesen auch dazu gehört“, sagte sie dann als der ärgste Hustenanfall vorbei war.
„Och, das ist gar nicht so schwer. Man muss nur sehr gut beobachten können. Die Leute verraten viel, wennn sie nichts sagen. Du, zum Beispiel, spielst immer mit deinen Haaren, wenn du nervös bist.“
„Tu ich?“
„Oder wenn dir etwas wichtiges im Kopf herumgeht, so wie jetzt.“
Helena hielt abrupt darin inne eine Haarsträhne auf ihren Finger zu zwirbeln.
„Ich bin mir nicht sicher, ob es wichtig ist“, sagte sie dann.
„Aber dir geht etwas im Kopf herum?“
Helena setzte sich wieder an den Tisch und trank noch einen Schluck, bevor sie antwortete. „Ich habe von deiner Hochzeit geträumt. Seltsamerweise war sie allerdings im Sommer, statt im Herbst. Na ja, ich hab jedenfalls getanzt und alles drehte sich um mich. Und dann habe ich dich und Bornulf gesehen, aber du warst wieder jung und hattest rotleuchtende Haare. Glücklich sahst du aus. Aber dann waren alle weg. Nur du standest noch da, aber diesmal wieder alt und du meintest, es wäre Zeit. Und dann stehen wir plötzlich auf diesen Klippen und vor mir ist nur Wasser. Nichts als Wasser. Und… “ Helena stockte.
„Ich glaube, jemand hat mich gerufen“, fuhr sie nach einer Weile fort, „Ein Drache, ein blauer Drache. Ich solle zu ihm und für ihn und die Freiheit kämpfen. Meinst du, das war Lokaj? Aber hätte es dann nicht ein roter Drache sein müssen?“
Ihre Großmutter schaute Helena nachdenklich an. „Ob es nun Lokaj ist oder nicht. Ich glaube, das Schicksal hat für dich mehr vorgesehen als hier auf der Dorfer Höhe dein Leben zu verbringen.“
Helena brauchte eine Weile, um das von ihrer Großmutter gesagte vollständig zu begreifen. „Du meinst, ich soll weggehen?“
„Ich meine, du sollst dir die Welt anschauen, Liebes.“

Musikrauschen

Musik rauschte in ihren Ohren.
Sie drehte sich, lachte dabei, tanzte, war fröhlich. Hände hielten sie. Manchmal stark, kräftig, manchmal zaghaft. Aber dann war sie schon wieder beim nächsten. Gesichter, männlich, weiblich, jung, alt, häßlich, schön, wirbelten um sie her. Keines blieb lange, alle lachten. Ein Gesicht kam immer wieder, stach hervor, war ihr lieb. Es lächelte, es lachte. Nona.
Sie sah so glücklich aus, so zufrieden. So schön. Ihr weißes Kleid strahlte, ihre roten Haare – die gleichen roten Haare – glühten und ihr Lachen war das einer Göttin. Sie hielt die Hand des Mannes, der ihr Glück war.
Sollte sie auch einmal ein solches Glück finden?

Musik rauschte in ihren Ohren.
Sie drehte sich, lachte, tanzte. Farben wirbelten vorbei, Gesichter vermischten sich. Klänge riefen.
Es war ein Fest. Ein Fest zu Ehren. Zu höchsten Ehren. Sie hörte das Lachen, das Jauchzen, die Stimmen der Spielmänner, das Knallen des Feuerwerks und der Kanonen. Sie hörte die Schreie, die Schrecken, den Verrat. Sie hörte ein Rufen.
Der Tanz war vorbei. Die Wiese war leer. Still war es. Das Rauschen in ihren Ohren blieb. Sie ging. Zaghaft. Sie wünschte sich, Nona wäre an ihrer Seite.
„Es ist Zeit“, sagte Nona.
Sie drehte sich um, sah Nona. Alt, graues Haar, Falten im Gesicht. Jugend in den Augen.
„Zeit?“
Nona zeigte nach vorne, breitete weit ihre Arme aus, schloss alles mit ein.
Sie standen auf Klippen. Sie stand alleine. Ein Sturm zog auf. Wind erfasste ihre Kleider. Sie trat zurück, stolperte, fing sich. War sprachlos, war starr. Aus Unglauben, aus Erstaunen, aus Angst.
Sie hatte noch nie vorher eine solch weite Ebene gesehen.